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Publiziert am 12.10.2021, von Thomas Wittkopf, Geschäftsführer TELAG

Sind Whistleblower Denunzianten? Melden sie nur, um sich zu rächen? Und am liebsten direkt bei den Medien? Was soll Hinweisgeberschutz bringen? Kostet er nicht mehr als er bringt? Und ist es mit der Einführung eines Hinweisgebersystems getan? Sebastian Oelrich forscht an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg und arbeitet für Transparency International. An der virtuellen Konferenz «Digital Shift» zum Thema «Whistleblowing» räumte er mit den häufigsten Irrtümern rund um Meldesysteme auf.

 

1. Whistleblower sind Denunzianten

«Dieses Narrativ kann in der Forschung nicht belegt werden», erklärt Sebastian Oelrich. Auch (negative) Emotionen haben im Whistleblowing-Prozess keinen Einfluss: «Was Leute motiviert, sind Werte und Moralempfinden. Sie wollen das Arbeitsklima positiv beeinflussen. Dieser Drang, das Richtige zu tun, kann die Angst vor negativen Konsequenzen überstrahlen.» Anders in den USA: Hier müssen Whistleblower seltener negative Konsequenzen fürchten. Sie werden als Helden und für ihren Verdienst an der Gesellschaft gefeiert. Oelrichs Empfehlung: «Wir müssen das Denunzianten-Narrativ ablegen.»

 

2. Mitarbeitende melden nur bei finanzieller Entlohnung

In den USA macht u.a. die Börsenaufsicht mit einem Belohnungssystem für Whistleblower von sich reden. 168 Millionen US-Dollar wurden allein im Jahr 2018 an Whistleblower ausbezahlt. Dass jedoch von 5000 Whistleblowern nur 13 eine Entschädigung bekommen haben, darüber spricht die SEC nicht. Oelrich konnte herausfinden, dass Belohnungen einen deutlich kleineren Motivations-Effekt haben als gedacht. Die Angst vor Diskriminierung wiege 2.5 Mal schwerer als die Aussicht auf eine Entschädigung. Deshalb seine Empfehlung: «Es ist nicht der persönliche Nutzen, der Whistleblower antreibt. Wesentlich effektiver und kostengünstiger ist es daher, den Mitarbeitenden die Angst zu nehmen, für einen Hinweis diskriminiert zu werden oder ihren Arbeitsplatz zu verlieren.»

 

3. Mitarbeitende wenden sich bevorzugt an externe Meldekanäle

Auch das kann Sebastian Oelrich in seinen Forschungen nicht bestätigen. Nur wenn die passenden Meldekanäle fehlen oder Angst bezüglich deren Vertraulichkeit herrscht oder interne Meldungen vergeblich sind, weil sie keine Konsequenzen nach sich ziehen, wenden sich Hinweisgebende an die Behörden oder Medien. «Insbesondere Frauen haben Angst vor den Konsequenzen. Sie sorgen sich um die Vertraulichkeit. Frauen gehen davon aus, dass ihnen weniger geglaubt wird und dass sie weniger Schutz geniessen als ihre männlichen Kollegen», so Oelrich. Hier nütze es, mit gutem Beispiel voranzugehen, und die Konsequenzen bei jenen Mitarbeitenden zu setzen, welche die Verstösse begehen und nicht bei jenen, die sie melden.

 

4. Hinweisgeberschutz kostet nur und bringt nichts

Ab 17. Dezember 2021 tritt die EU-Whistleblower-Richtlinie in Kraft, mit dem Ziel Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden zu einem vertraulichen Hinweisgebersystem zu verpflichten. Kostet eine gesetzliche Verpflichtung mehr als sie bringt? «Nein», weiss Sebastian Oelrich. «43% aller Fälle werden von Hinweisgebenden aufgedeckt. Sie sorgen dafür, dass Wirtschaftskriminalität, aber auch sexualisierte Gewalt und Verstösse in Richtung Korruption eingedämmt werden. Im Bereich der Wirtschaftskriminalität beispielsweise sinken die finanziellen Schäden um die Hälfte. Dank der Meldungen reduziert sich die Zeit, bis ein Fall ans Licht kommt, im Durchschnitt von 18 auf 12 Monate. Dadurch werden die Fälle nicht so gross und es können sich seltener Strukturen etablieren, welche nichtkonformes Verhalten begünstigen.» Daraus folge, so Oelrich, dass ohne Meldestelle riesige Schadenssummen über lange Zeit unentdeckt bleiben. Somit stelle sich die Frage eher: «Können sich Unternehmen leisten, KEIN Hinweisgebersystem zu haben?»

 

5. Hinweisgeberschutz ist freiwillig

Es geht ab dem 17. Dezember nicht mehr darum, ob Unternehmen ein Hinweisgebersystem etablieren wollen, sondern darum, dass dieses auch richtlinienkonform ist und die Anforderungen der Whistleblower-Richtlinie erfüllt. Viele Unternehmen sind bereits in Vorleistung gegangen und haben eine vertrauliche Meldestelle eingerichtet, einerseits um ihr Image als ethisches und verantwortungsvolles Unternehmen zu stärken, andererseits um finanzielle Schäden vorzubeugen. «Was sie verbindet ist, dass sie vom Nutzen und der Effektivität einer vertraulichen Meldestelle überzeugt sind», so Oelrich.

 

Abschliessend wendet sich Oelrich mit dem letzten Punkt direkt an die Führungsetage. Denn die Forschung spricht hierzu eine deutliche Sprache: «Ein Hinweisgebersystem ist nur der erste Schritt. Mindestens genauso wichtig ist eine gelebte Kultur der Offenheit und Transparenz. Diese muss von der Führung vorgelebt und weitertransportiert werden. Whistleblowing als etwas Positives zu konnotieren, ist eine Frage der Führung und eines klaren Bekenntnisses der Führung zur Compliance und zum Schutz der Hinweisgebenden (Tone from the top).»

 

Sie interessieren sich für ein Hinweisgebersystem, wissen aber nicht wie starten? Wir beraten Sie gerne – kostenfrei und unverbindlich: thomas.wittkopf@telag.ch / T +41 44 276 44 64 / telag.ch/whistletag

 

Bildlegende:
Sebastian Oelrich, LL.M.oec. 
Wissenschaftlicher Mitarbeiter Otto-von-Guericke Universität Magdeburg, Deutschland
Co-Leiter AG Hinweisgeberschutz Transparency International Deutschland e.V.